B i e r - R e i s e d u r c h 5 K o n t i n e n t e
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Delmenhorst

1. Brauereien in Delmenhorst

1.1 Brauerei im Bungerhof

Postkarte, 1897 gelaufen [21]

Die über 100 Jahre alte Postkarte zeigt verschiedene Ansichten von Delmenhorst, u.a. eine Abbildung der Dampfbrauerei zum Bungerhof.

1851 gründete der aus einer Korkschneiderfamilie stammende Christian Hinrich Cordes eine Brauerei mit Wirtshaus im heutigen Stadtteil Bungerhof am Brauereiweg 15.

Bereits im 18. Jahrhundert begann in dieser Gegend das Korkenschneiden und wurde im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Industriezweig. Kurt Müsegades bezeichnet Hasbergen (heute zu Delmenhorst) als Hochburg der Korkenschneider. Meist nebenberuflich wurden anfangs Korken aus den Rinden der Korkeichen von Hand geschnitten und an Weinhändler, Bierbrauer und Apotheker verkauft [11].

Vergrößerung der Brauereiansicht

Über den Kontakt zu Bierbrauern entstand wohl die Idee, selbst in dieses Geschäft einzusteigen.

Seit 1859 gab es fortan zahlreiche Besitzerwechsel und auch Konkurse. Einige Quellen führen dies auf das schlechte Brauwasser zurück, andere nennen den enormen Kostendruck durch die damaligen Bremer Großbrauereien. Der Betrieb firmierte z.B. als Brauerei zum Bungerhof, Delmenhorster Dampfbrauerei oder Vereinsbrauerei Delmenhorst.

Der Gesellschaftsvertrag zur Gründung der G.m.b.H. wurde am 7. Okt 1899 unterzeichnet, das Stammkapital betrug 150000 Mark. Der vorige Eigentümer Paul Mehne wurde als Geschäftsführer einbestellt .

In der folgenden Tabelle sind die einzelnen Besitzer lt. Fritz Schröer zusammen-gefaßt und durch weitere Angaben ergänzt:

Von bis Besitzer aus
1851 4/1859 Christian Hinrich Cordes Delmenhorst
4/1859 9/1859 Strodthoff
1859 1865 Konkurs Finkenstedt
1865 1866 Strodthoff
1866 1870 Rein
1870 1885 Bödeker
1885 12/1885 Mählmann & Deus Oldenburg
12/1885 7/1890 Konkurs Bachmann Sachsen
1890 1893 Lust (Hopfenhändler) Nürnberg
1893 1899 P. Mehne, Brauerei zum Bungerhof Harz
1899 1914 Vereinsbrauerei Delmenhorst G.m.b.H.
Juni 1914 Konkurs Konkursverw. Hedenkamp vermietet Brauerei-Villa
1914 1920 Spediteur Meyer und Kaufmann Wohlers
1920   Selterswasserfabrikant Parthey
Foto: Hermann Weizsäcker, 1957. Mit freundlicher Genehmigung Archiv Delmenhorster Kreisblatt

Der Delmenhorster Autor und Fotograf Fritz Schröer beschreibt die Brauerei in einem Artikel von 1960 [10]. Er selbst hatte damals noch den wuchtigen 20 m hohen Sudturm gesehen, der im Jahre 1900 errichtet worden war, s. Bild.

Im August 2013 zerstörte ein Feuer die Brauereigaststätte, der Betrieb der Brauerei lief aber weiter, wie das DK am 30. Aug. 1913 berichtete [35]. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 kam das Aus für die Brauerei.

Später hat der Maurer H. Scheele das Anwesen gekauft und in Eigenarbeit den Turm in den Jahren 1967-1969 abgebrochen. Das Baumaterial wurde nach Hoykenkamp abtransportiert [32]. Inzwischen sind alle alten Gebäude abgerissen. Über den alten Gewölbekellern des Sudturmes steht heute ein privates Wohnhaus.

Die folgende Karte zeigt, daß mehrere Flurstücke zur Brauerei gehörten und daß es eine Zufahrt zur Stedinger Straße gab.

Weitere Infos und Bilder im Hobbymuseum.

Lage der Brauerei in Delmenhorst-Bungerhof
Delmenhorster Bierwerbung [36] und [24]
Bockbierwerbung am 30.1.1913 [35]

Die Delmenhorster Brauerei warb Ende Januar 1913 für ihr gerade hergestelltes Bockbier.

Verschiedene Gaststätten in Delmenhorst und umzu veranstalteten in den darauffolgenden Wintermonaten "Bockbierfeste", so z.B. August Wohlers am Berlinerweg oder der Gasthof zur Eiche in Ganderkesee.

Schon der Erstbesitzer C.H. Cordes lud 1852 zum Bockbieranstich in die Brauerei ein und ließ die Gäste mit einem Omnibus des H. Flothmann an- und abfahren [35].

Foto: H. Frommeyer (Stadtarchiv/Museum für Industriekultur)

Der neue Stadtarchivar Christoph Brunken entdeckte nach seinem Amtsantritt im Stadtarchiv im März 2017 diese alte Bierflasche der Vereinsbrauerei Delmenhorst, die künftig ihren Platz im Museum für Industriekultur finden soll [26].

Eigentlich nichts Außergewöhnliches, aber diese über 100 Jahre alte Flasche ist mit Bier gefüllt und sieht original verkorkt aus, Foto rechts.

Sie trägt nicht nur einen geprägten Schriftzug, sondern zeigt auch das Emblem der Vereinsbrauerei.

Der dargestellte Turm ist der sog. "Blaue Turm" der ehemaligen Delmenhorster Grafenburg, die im 18. Jahrhundert abgerissen wurde.

Die Schrägstellung des Turmes im Wappen belegt, daß die Darstellung aus der Zeit vor 1913 stammt.

G.m.b.H. im Schriftzug bedeutet, daß die Flasche nach der Vereinsgründung im Oktober 1899 verwendet wurde. Ob auch das Bier aus der Zeit von 1899 bis 1914 stammt, müßte genauer untersucht werden.

Wappenvarianten

 

(a) Geprägtes Emblem auf der Flasche
(b) Wappen der Stadt Delmenhorst auf einer alten Reklamemarke (um 1910), schräg angeordneter Turm

(c) Heutiges Stadtwappen (Aufkleber), nach Ratsbeschluß 1913 steht der Turm wie in ganz frühen Jahren wieder senkrecht im Wappen.

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1.2 Brauerei E. Hocke

Postkarte von 1902 [21]

In der Westlichen Langenstraße 35 (heute Lange Straße 23, Fußgängerzone) befand sich in den 1860er Jahren und später eine Brauerei im Hinterhof.

Im vorderen Teil des Hauses betrieb der Gastwirt Ernst Gottlieb Hocke eine Schankwirtschaft.

Nach seinem Tode im Jahr 1880 führte seine Witwe Auguste den Betrieb bis 1902 weiter. Das Foto auf der Postkarte, linkes Bild, und die Werbeanzeige stammen aus dieser Zeit. Die Hausinschrift lautete  "Restauration von E. Hocke Ww."

In den damaligen Adressbüchern der Stadt wird der Bierhändler Friedrich Hocke als Mitbewohner genannt, vermutlich der Sohn der Wirtsleute. Er zog nach Verkauf des Hauses im Jahre 1902 in die Louisenstraße 8, wo er über Jahrzehnte einen Bierverlag betrieb. Neben der Eingangstür warben Schilder für Biere von der Hemelinger Aktienbrauerei.

Der Hocke-Nachfolger Wilhelm Bretthauer ließ 1911 das Haus abreißen und durch ein Neues ersetzen. Die Bretthauer'sche Traditionsgaststätte war bis 1956 in Betrieb und ist vielen Delmenhorstern ein Begriff. Heute ist in diesem Haus eine Tschibo Filiale untergebracht.

Werbeanzeige März 1899 [36]

Salvator Bier aus München war damals eine Spezialität, die nicht ständig vorrätig war.

Werbeanzeige Febr. 1890 [36]

1890 befand sich im Hause der Witwe Hocke auch eine Niederlage der Firma Cordes & Ellgass, die mit flüssiger Kohlensäure für den Bierausschank handelte. Diese Technik des Bier-Zapfens mittels Kohlensäureflasche war erst einige Jahre zuvor erfunden worden und revolutionierte damals die Schanktechnik.

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1.3 Brauerei Died. E. Walter

Im April 1859 berichtete das Delmenhorster Kreisblatt, daß Died. E. Walter aus dem Stadtgebiet seine Brauerei mit vollständigen Gerätschaften nebst Grundstück verkaufen will [35].

Weitere Informationen liegen nicht vor.

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2. Ehemalige Bierverlage in Delmenhorst

Die früheren Begriffe "Bierverlage" oder auch "Bierniederlagen" wurden für Betriebe verwendet, die Biere und Getränke einer oder mehrerer Brauereien vertrieben und das Bier auch selbst in kleinere Gebinde umfüllten. So lieferten Brauereien ihre Biere in großen Holzfässern an, der Bierverleger füllte das Bier in Flaschen ab, die mit seinem Namenszug versehen waren.

Im Nordwestdeutschen Industriemuseum und im Stadtmuseum in Delmenhorst sind zahlreiche alte Bierflaschen mit Prägung von Delmenhorster Bierverlagen ausgestellt.

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3. Ausgewanderter Bierbrauer aus Delmenhorst

Foto: [33] Mit freundl. Genehmigung

August Fitger (Bild rechts), ein Bruder des bekannten Künstlers Arthur Fitger, wurde 1854 in Delmenhorst im alten Fitgerhaus geboren. Er war im Oktober 1871 als Siebzehnjähriger in Bremerhaven an Bord des Segelschiffes "Christel" gegangen, um nach Amerika auszuwandern. Dort erlernte er das Brauhandwerk, arbeitete in verschiedenen amerikanischen Brauereien, kehrte aber kurzfristig nach Deutschland zurück, um in Weihenstephan (Bayern) den Braumeistertitel zu erwerben.

In Duluth am Lake Superior (USA, Bundesstaat Minnesota) wurde er im Jahre 1882 Mitinhaber der dortigen Brauerei. Die nannte sich dann "A. Fitger & Co. Lake Superior Brewery", später "Fitger Brewing Company". Fitger Beer wurde hier bis 1972 gebraut.

Die Brauereigebäude sind erhalten geblieben, seit 1995 gibt es hier wieder Bier aus einem kleinen "brewpub", außerdem befinden sich hier das Fitger Museum, ein Hotel, Restaurants und Läden, weitere Infos unter www.fitgers.com.

Flaschenetiketten der Fitger Brauerei in Duluth (Minnesota, USA)
Foto 2017: Neues Fitgerhaus in Delmenhorst am Marktplatz

Seit 2004 steht das "Neue Fitgerhaus" in Delmenhorst an der Langen Straße - Ecke Marktplatz. Bis 1963 befanden sich hier alte Gebäude, die 1813 von Heinrich Fitger erworben und zur Posthalterei umgebaut wurden.

Der Postmeister, Gastwirt und späterer Ratsherr stammte ursprünglich aus Lilienthal und kam kurz nach 1800 in unsere Stadt, er war der Großvater von August und Arthur Fitger.

Weitere Infos und Bilder im Hobbymuseum sowie im eigenen Zeitungsartikel [40]

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© H. Frommeyer